Zu unserer aktuell ‚ungewohnten‘ Lebenssituation

Von Mostafa Kazemian, Zürich.

Eine Virusepidemie kann den durch Gewohnheiten geprägten Lebensfluss des heutigen Menschen sehr stark beeinträchtigen. Es sieht so aus, dass es vor allen Dingen die Mittel- und Unterschichten der Gesellschaft mit ihren alltäglichen Gewohnheiten sind, die am allermeisten an der Störung dieses Lebensflusses leiden. Psychopathologisch gesehen haben sich jetzt manche Symptome in einem Teil dieser Schichten vermehrt: Dazu gehört insbesondere die Angst vor einer unbekannten Sache, Zwangsverhalten – bei bestehenden zwanghaften Persönlichkeitszügen-und depressive Verstimmung.

Der Mensch, der sich langsam und in Folge seiner technischen Fortschritte als Herrscher bzw. Besitzer der Erde und Natur (v)erkannte, ist jetzt durch Verbreitung eines unsichtbaren kleinen Partikels dieser Natur in einem hohen Grad gelähmt und hilflos geworden. Immer mehr darf sich der – moderne – Mensch jetzt nicht mehr in seinen – für die Natur destruktiven – Fliegern bewegen; seine Beweglichkeit in den Städten ist schrittweise eingeschränkt worden. Zuletzt wurde er auf den Aufenthalt in den eigenen vier Wänden zurückgeworfen.

Abgesehen von dem wichtigen und nicht zu vergessenden Leiden der Erkrankten und Familien, die ihre Angehörigen durch die neue Erkrankung verloren haben, könnte diese Beeinträchtigung der Alltagsgewohnheiten jedoch nicht nur als schlimm oder katastrophal betrachtet werden. All dies könnte nunmehr möglicherweise dabei helfen, die zu starke Extrovertiertheit und Anspruchshaltung (Gier?) der Menschen, zumindest für eine gewisse Zeit, zu bremsen; allein dadurch, dass er für eine unbestimmte Weile zuhause sitzt, ‚zu sich selbst zurück‘ kommen und nachdenken muss, vor allem über das, was er aus eigenen gewohnten Interessen heraus in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf die Natur getan hat.

Diese Störung oder „Krise“ könnte dem Menschen helfen, seine Verhaltensweise in Bezug auf die Anderen und die Natur grundsätzlich zu hinterfragen, weniger arrogant zu sein und sich in Schweigen zu üben und der Stimme seiner – äußeren und inneren – Natur zuzuhören, eventuell mehr zu lesen und -wie seine Vorfahren- zu beginnen, kleinen Kindern Geschichten zu erzählen und Märchen vorzulesen; Dies sind Volkserzählungen, in denen der Mensch im Grunde genommen ein Teil der umfassenden Natur und kein gieriger Konsument ihrer Produkten oder ihr ignoranter Besitzer und Verbraucher gewesen ist.

Wahrscheinlich sind ein bisschen Schweigen, Stillbleiben und Selbst-reflektieren unerlässlich für den Menschen, damit er erneut und grundsätzlich über Tod, Leben und Sein nachdenken kann und sich daran erinnert, dass Philosophie – eine Denktradition, die in den letzten Jahrzehnten eher für unnötig gehalten wurde – aus diesen Fragestellungen und der Begegnung des Menschen mit seinen Grenzen hervorging.

Es hat sich gerade in dieser selbstverständlich gewordenen Welt der Menschen eine angstauslösende Beeinträchtigung ereignet, die jedoch auch zeigen kann, dass sich der ‚Verfall‘ schon seit längerem hinter der maskenhaften Fassade unseres Lebens versteckt bzw. verstärkt hat; diese unterdrückte (Schatten-)Seite des modernen Lebens präsentiert sich gerade in diesem historischen Zeit-Moment.

Die Beeinträchtigung der Alltagsverhältnisse könnte in diesem Sinne auch als hilfreich gesehen werden, dadurch, dass sie uns die Möglichkeit bietet, jetzt unsere gewohnte Lebensart und -weise neu umzudenken.

1 Antwort zu “Zu unserer aktuell ‚ungewohnten‘ Lebenssituation”

  1. Lieber Mostafa,

    habe herzlichen Dank für Deine anregenden und reflektierten Texte. Besonders der zweite berührt mich.

    Mir fällt dazu ein Wort von Rumi ein,

    das ich dem Roman „Die Leiden eines Amerikaner“ (Siri Hustvedt, Reinbek bei Hamburg 2008) vorangestellt fand:

    „Wende dich nicht ab,

    Schau weiter auf die bandagierte Stelle.

    Dort wird das Licht in dich eindringen.“

    Du schreibt von Vulnerabilität. Das finde ich sehr, sehr wichtig.

    Ja – Krisen schlagen Wunden und hinterlassen Spuren.

    An Grenzen stürzen stabile Zustände zusammen. Neue Orte der Geborgenheit sind kaum in Sicht.

    Wir erleben uns als verwundbar, als bedroht und auch als Verwundete – obwohl die Schweiz noch von so viel Sicherheit geprägt ist .

    Manchen Verletzungen – die vom ersten Schock – sind bereits verbunden, bandagiert. Andere gar schon vernarbt. Wieder andere schmerzen nach wie vor.

    In jedem Fall werden Spuren bleiben.

    Spuren werden bleiben.

    Und ja – es wird unumgänglich bleiben, sich mit den Verletzungen auseinanderzusetzen.

    Mir ist das „Wie“ dabei wichtig.

    Wie blicke ich zurück? Wie sehe ich die Wunde an? Wie öffne ich mich dem Licht, das in mich eindringt – aus der bandagierte Stelle?

    Der erste Mann meiner Mutter starb durch den 2. Weltkrieg.

    Ohne diesen Krieg wäre ich nicht geboren worden. Meine Mutter hätte ja nicht 1952 erneut geheiratet.

    Einem Krieg verdanke ich mein Leben – das ist so und ist doch schwer zu niederschreiben.

    Der Verlust ihres ersten Mann hat meine Mutter zeitlebens verwundet. Das war immer präsent für mich.

    Ich konnte an ihrer Verwundung gar nicht vorbeisehen. Das hat mir – glaube ich – schon etwas gebracht. Das Mitspüren nämlich mit den Opfern, die die Krisen, die Instabilitäten, die

    Zusammenstösse mit Grenzen schlagen… Ohne jede Rücksicht auf den einzelnen Menschen.

    Das Licht, das aus der bandagierten Stellen, mich erreichen könnte, vielleicht ist es dies: Ich möchte nicht aufhören, für das Leiden der Opfer sensibel zu sein.

    Ich mag die Krisen nicht preisen – auch wenn ich weiss, dass sie zur menschlichen Entwicklung gehören und diese oft wesentlich vorantreiben.

    Das Licht, das mich leitet, das Licht aus den ‚bandagierten Stellen‘, es könnte die Hoffnung sein, so mit Krisen umgehen zu können, dass sie abgefedert werden,

    die Lebensbeben,

    dass das Mitgefühl wächst.

    Stetig wächst.

    Dass das Mitgefühl uns auf Ideen bringt, wie wir es freundlicher leben können – unser verletzliches Sein.

    Hab‘ noch einmal herzlichen Dank für Deinen wirklich sehr wichtigen Beitrag, Mostafa. Ich habe darin viel wiedergefunden, woran mir liegt. Elisabeth

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.