28.3.2020

von Stefan Wolf, Berlin.

Wem höre ich in diesen Tagen, in denen auf allen Kanälen so unendlich viel geredet wird, eigentlich noch gerne zu? Es sind nach wie vor die Virologen. Den ganzen finsteren Abend lang möchte ich ihnen lauschen, wie ein Kind, das eingerollt in der Sofaecke liegend, noch das Ende der Geschichte hören will, weil es sonst nicht einschlafen kann. Ich bin anscheinend nicht der einzige, denn sobald ich einen Apparat einschalte, ist es, als gäben sich die Virologen die Klinke in die Hand. Man staunt und ist auch ein wenig stolz, wie viele wirklich sympathische tüchtige Leute wir in diesem Fach haben. Neulich sogar eine Virologin, eine schlanke hoch gewachsene wunderbar scheue, sehr kompetente Frau, die alles auf eine so erfrischend natürliche Art noch einmal erklärte, dass ich, als die Kamera von ihr wegschwenkte, dachte, hoffentlich sehe ich sie in einer anderen Sendung bald wieder. Der mir liebste Virologe ist aber Christian Drosten. (Meiner erwachsenen Tochter muss es ähnlich gehen. Sie sagte neulich am Telefon: „Christian meint auch, dass …“ – so als gehöre er inzwischen zu ihrem Bekanntenkreis). Wenn ich mir etwas medial wünschen dürfte, würde ich mir wünschen, dass Christian Drosten jeden Abend eine Bilanz des Tages zieht: Er brauchte nur die aktuellen Zahlen vorzutragen, sie kurz zu bewerten, einen Blick auf das globale Pandemiegeschehen zu werfen und einen Ausblick auf den nächsten Tag zu geben. Wie immer der ausfiele, nie hätte ich bei ihm das Gefühl, er führe etwas im Schilde, er wolle mich in falscher Sicherheit wiegen oder erst ängstigen, um mich dann umso wirksamer ermahnen zu können. Es ist ein konzentrierter trauriger Ernst in seinem Gesicht, der jedoch nie seine entspannten jungenhaften Züge ganz verdunkelt, so dass man, wenn man ihm zuhört zwar grundtraurig wird aber eben nicht verzweifelt. Ganz anders übrigens als bei Lothar Wieler, dem Chef des Robert-Koch-Institutes, der an einem der vergangenen Abende so müde und erschüttert wirkte, dass man nur noch Angst hatte. Jemand schrieb, Christian Drosten sei der Gandalf der Nation. Ich kenne die Saga nicht gut genug, um das zu beurteilen, aber der Name passt. Vielleicht diese beiden: Christian Drosten und diese Virologin wünschte ich mir als Eltern, wäre ich in diesen Tagen ein Kind.

Und zum Kind wird man, wenn auch zu einem gut informierten. Ein Kind, das alles weiß, was die Erwachsenen wissen und gerade entdeckt, dass die meisten Erwachsenen auch nur verkleidete Kinder sind, erschrocken wie es selbst. Ein Kind, das vor allem eine Frage umtreibt, auf die auch die guten Virologen-Eltern mit ihren Zahlen und Diagrammen keine Antwort haben: Was bedeutet das eigentlich? Nicht für die nächsten Wochen oder für unsere Alltagshygiene sondern grundsätzlich für unser Verständnis des Ganzen: Was wird uns gerade vor Augen geführt? Ist es noch etwas anderes, als das, was uns selber sofort in den Sinn kommt: die Illusion, dass das Leiden immer nur bei den anderen ist und nie sich zu uns verirren wird; die Unhaltbarkeit unserer Lebensweise; die Hybris unserer Weltbemächtigung. (Vor kurzem hieß es noch: „Ewiges Leben? Auch kein prinzipielle unlösbares Problem.“ Und jetzt das …) — Es ist hoffentlich noch etwas anderes darin zu finden, denn diese Deutungen, so zutreffend sie sein mögen, kursieren schon zu lange. Von welcher Seite wird eine neue Deutung kommen? Es ist eine Erklärungsnot, in der ich merkwürdigerweise von meiner eigenen Profession so gut wie nichts erwarte. Dann schon eher von den Philosophen, Sozialwissenschaftlern oder den Historikern. Aber vielleicht sind mir die richtigen Beiträge auch nur noch nicht in die Hände gefallen. Ich stoße immer nur auf das Erwartbare. Auf haaretz.com (24.3.20) erklärt mir Merav Roth den Wert der depressiven gegenüber der paranoid-schizoiden Position angesichts lebensbedrohlicher Gefahr. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich dieser Art von Belehrung über das seelisch Gesunde und Höhere überdrüssig bin. Immerhin hat sie aber Tiefe. Im Gegensatz zu dem, was eine Angstforscherin und Professorin für Psychotherapie an der Humboldt-Universität zu Berlin in einer Talk-Runde auf die Frage sagte, was sie den Menschen raten könne, die in dieser Zeit zu Hause sitzend in endlose ängstliche Grübeleien verfielen. Ihre Empfehlung war, dass sie unbedingt ihren Tag strukturieren und einen konkreten Tagesplan aufstellen sollten, in dem sie eben auch eine Zeit für Grübeleien reservieren müssten. Nicht zu lange freilich, vielleicht eine halbe Stunde. Und damit sie die Zeit auch wirklich einhielten, sollten sie sich am besten den Wecker stellen. —

 Genau! Nur leider ist die Lage eine völlig andere und obendrein komplizierter: Der Wecker klingelt nämlich schon seit Jahren und so gut wie alle sind mittlerweile hochgeschreckt und sehen sich nun ratlos und entsetzt an.

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