Krise – Psychodynamik

Einige Stichpunkte aus Sicht der Analytischen Psychologie. 

von Monika Rafalski.

Im Ausnahmezustand regnet es immer zuerst auf die, die schon nass sind.“[1]

In den USA werden jeden Tag rund dreißig Millionen Gratismahlzeiten an bedürftige Kinder verteilt. Rund die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler sind auf solche Nahrungshilfe angewiesen. Wer chronisch Not leidet, wer ständig an die Grenze des Machbaren stößt, wer sich also bereits in einer Ausnahmesituation befindet, den trifft eine Katastrophe wie die Corona-Pandemie besonders hart. Das gilt für Menschen, die durch Krankheit, Armut, häusliche Gewalt oder andere widrige Lebensumstände belastet sind. (1)

I.       In der gegebenen Situation steht die Aktualisierung und energetische Aufladung des kollektiven und persönlichen Angstkomplexes[2] im Vordergrund auf dem Hintergrund des archetypischen Felds von Tod[3], Krankheit, Not und globaler Gefährdung–  bei jedem Einzelnen begleitet von Aktualisierung damit verbundener persönlicher Komplexe und persönlicher und transgenerational weitergegebener Traumata, wodurch auch Retraumatisierungen in unterschiedlicher Weise auftreten. Traumatisierte fühlen sich überrollt von Gefühlen von Ohnmacht oder Kontrollverlust. („Corona ist für Traumatisierte ein Trigger“ /Traumazentrum München. „Bei vielen älteren Menschen kommen angesichts leerer Läden und Einschränkungen des öffentlichen Lebens Erinnerungen an die Kriegs- oder die Nachkriegszeit hoch. Die Existenzangst, die Not von damals kehren zurück“. Telefonseelsorger)

–              In der Situation von staatlich angeordneten Beschränkungen, Kontrollen, angedrohten Strafen bei Nicht-Einhaltung – andererseits auch in Aussicht gestellter bzw. erhoffter Hilfsmaßnahmen, wird der überpersönliche + individuelle Eltern-Komplex [4]aktualisiert, wodurch die Polarität von Autonomie und Abhängigkeit unbewusst thematisiert wird. Zusätzlich werden persönliche Verantwortlichkeit (Schuldkomplex[5]) einerseits und Partikular-Interessen (Rivalitäts-Komplex[6]) andererseits, sowie ethische Fragen (humane Werte versus materielle Werte) thematisiert, etwa in politischen Debatten zu Wirtschaftsinteressen, staatlichen Unterstützungsgeldern, Aufhebung der Beschränkungen… (Gouverneur New York, Cuomo: 28.03.:  Die Börsen würden dann sinken wie ein Stein und die Wirtschaft könne sich davon nicht in Monaten oder Jahren erholen. Dagegen: 31.03.20: Zahl der Todesfälle in den USA inzwischen auf mehr als 3500 gestiegen. Cuomo meldete am 31.03.20 einen Anstieg von mehr als 300 Toten im Vergleich zum Vortag. Sein Bruder Chris Cuomo sei positiv getestet worden. Zum Glück sei das Virus früh nachgewiesen worden. Niemand dürfe aber vergessen, dass es ‑“heimtückisch“ sei, so New Yorks Gouverneur)

Durch die Kontaktbeschränkungen Trennungskomplex aktualisiert bzw. aufgeladen; in vielfacher Hinsicht besonders bei Sterben und Beerdigung

II.           Die Gesamtsituation bedingt damit eine Dynamik von Regression[7] (vgl. Berichte aus China zu den psychosozialen Folgen der massenhaften Isolation: während der Ausgangssperre in Wuhan nahmen dramatisch Depressionen, Schlafstörungen u. häusliche Gewalt zu> Aggressions-Komplex. Notfallhotline Wuhan: Fast die Hälfte berichtet von Angstzuständen, jeder Fünfte leidet unter Schlafproblemen, Angst und Unruhe; weitere 15 Prozent haben Panikattacken und sprechen von einem Engegefühl in der Brust. Anfangs sei die Lage völlig außer Kontrolle geraten, sagt die Psychologin Luo Liping, die seit dem Ausbruch bei einer solchen Hotline arbeitet.) [8] sowie Sehnsucht nach (teilweise auch nur vermeintlicher, missverstandener) Progression.

Regression kann notwendig und stärkend sein, wenn in relativem Gleichgewicht mit Progression („Was der eine als Wohltat der Einsamkeit empfinden mag, kann der andere als Folter der Isolation durchleiden“)

–              in aktueller Situation besteht die Gefahr maligner Regression im Zusammenhang mit Komplexen + Traumata, d.h. der Ich-Komplex wird soweit geschwächt (negativ aufgeladene Komplexe bestimmen das Bewusstsein u entziehen dem Ich-Komplex Energie), dass das Ich nicht mehr autonom progressive Vorstellungen entwickeln u realisieren kann
–              durch Virulenz der Komplexe ist eine kontinuierlich hohe Affektivität (nicht zu verwechseln mit Emotionalität – als Aktivierung der Fühlfunktion) und psychische und somatische Grundspannung gegeben, verstärkt durch Situation von Isolation und Bewegungsmangel

–              symbolische Bilder in der öffentlichen Debatte haben per se bereits einen spannungsgeladenen (‚kriegerischen‘) Unterton: „Gewinnen wir den Kampf gegen das Coronavirus?“ Thema einer Fernsehtalkshow, ein Teilnehmer „die bitteren Spuren, die bleiben werden“ . Derartige Bilder wirken u.U. im Unbewussten verunsichernd weiter…

III.       Grundfunktionen:

Sowohl durch die Regressions-Dynamik wie durch das „Zurückgeworfensein auf die eigene Person“ werden die introvertierten Grundfunktionen besonders relevant im psychischen Geschehen für die Einzelnen. Je weniger diese dem Bewusstsein integriert sind, desto ‚störanfälliger‘ reagieren sie auf die Verbindung von äußerer Bedrohung und Aktivierung persönlicher Komplexe und Traumata.

z.B.

> introvertierte (wenig integrierte) Intuition: wittert Verschwörungstheorien als Urheber der Pandemie; ‚ahnt‘ Schlimmes, wenn etwa Spahn sagt (26.3.): „Noch ist das die Ruhe vor dem Sturm. Keiner kann genau sagen, was in den nächsten Wochen kommt.“ Oder wenn der Papst im Regen vor dem menschenleeren Petersplatz sagte: „Tiefe Finsternis hat sich auf unsere Plätze, Straßen und Städte gelegt. Sie hat sich unseres Lebens bemächtigt und alles mit einer ohrenbetäubenden Stille und einer trostlosen Leere erfüllt, die alles im Vorbeigehen lähmt“, und auch noch ein Pestkreuz an die ‚schwarze Pest‘ dabei erinnert.

Erlebt punktuell die Situation als „gespenstisch“; entwickelt Katastrophen-Vorahnungen – etwa dass das Virus ‚zurückkommen‘ könnte (das nun mit dämonischen Eigenschaften ausgestattet wird: „heimtückisch“ s. o. Cuomo)

> introvertierte (wenig integrierte) Empfindungsfunktion neigt zu Desorientiertheit, Unsicherheit und Überforderung („Unser aller Alltag ist nicht wieder zu erkennen. Innerhalb weniger Tage haben die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus Deutschland radikal verändert“)  Der/die Betreffende haben Schwierigkeiten, die neuen praktischen Vorgaben im  Alltag (z.B. neuer Einsatz von IT-Technik im Beruf) zu bewältigen oder die täglich neuen Informationen zu verarbeiten.

– in dieser Funktionen-Konstellation orientiert sich das Ich vorrangig mit seiner extravertierten Intuition, was zu einem ‚Schweben‘ über der konkreten Situation führen kann.

> introvertierte (wenig integrierte) Fühlfunktion generiert (außer den genannten Komplexen) Gefühle von Unsicherheit, u.U. von Verzweiflung, Ausgeliefertsein – gerät jedoch in Gefahr durch eine dominante rationalisierende Denkfunktion verdrängt zu werden.

> introvertiertes (wenig integriertes) Denken scheitert am klaren Strukturieren von Gedankengängen, kann sie nicht zu Ende führen, wodurch es zu keiner klaren Einschätzung der Lage führen kann; dadurch Gefahr, in den Strudel kollektiv verbreiteter Emotionen und Affekte gezogen zu werden.

D.h. jedoch auch: Die introvertierten Grundfunktionen – welche auch immer es bei den Einzelnen – bekommen ein stärkeres Gewicht, erweisen sich als wichtig für die Stabilität in der Krise und werden damit auch in ihrem Kollektivwert[9] erkennbar. (Ihr Individualwert ist hingegen schon hinlänglich deutlich für Individuation und Heilung[10])

IV.       Stabilisierung in der Krise und neue Erfahrungen – wichtig für therapeutische Arbeit

 – wichtigste Vorbedingung: Therapeut(in) wird sich bestmöglich bewusst, was die kollektive Krise in ihr/ihm auslöst und von ihm fordert (häufig: Innehalten, um zu verarbeiten), was ihr/ihm hilft sich zu stabilisieren, in seiner Mitte zu verankern, um nicht nur die eigene Belastung – sondern auch die der Patienten mittragen zu können

– Panik ‚raubt‘ Energie und schwächt das Ich – Vorsicht und Vorsorge stärkt dagegen, mobilisiert Energie.

–  Achtsamkeit , um konzentriert im Hier und Jetzt zu sein und die Affekte der Pat. halten zu können.

–  Beziehung zwischen Ich und Selbst stärken, um auch das Neue realisieren zu können, was diese Extremsituation nahebringt (Neue Einsichten, spirituelle Dimension…)

– Der eigenen Psyche und der der Patienten den symbolischen Raum geben, damit die transzendente Funktion wirksam werden kann, Resourcen bewusst und zugänglich werden und die Neuorientierung sich entwickeln kann, die jede Krise mit sich bringt.

 – Ich habe den Eindruck, dass Therapieprozesse in der Krise (bzw. Äußerungen der Pat. mehr Tiefe gewinnen …

(Therapeutin Traumazentrum München: „Aus dieser Krise lernen: Natürlich sind jetzt alle körperlich auf Distanz. Aber das heißt ja nicht, dass ich nicht in Verbindung mit Menschen sein kann. Wir sind plötzlich alle viel mehr miteinander verbunden. die Leute sind jetzt viel freundlicher, grüßen einander und achten darauf, wo der andere sich aufhält. Ist es nicht interessant, dass das Zeitgefühl jetzt sich so verändert? Mir kommt die Zeit schon nach einer Woche selbst gewählter Quarantäne viel länger und langsamer vor“.)

V.        Erich Neumann „Krise und Erneuerung“ (1961, letztes Werk!)  und Degeneration der alten Ethik‘ („Tiefenpsychologie und Neue Ethik“,1946)

Weiterführende Orientierung zu einer weiten Sicht können die Ausführungen von Neumann geben, der – wie auch der Philosoph Jean Gebser (u. andere) – die historische Notwendigkeit einer Erneuerung des Bewusstseins und der Ethik aufzeigt.

Neumann: „Neben die Verantwortlichkeit vor Gott ist auch die vor der Gemeinschaft zu setzten“.

Degeneration der alten abendländischen Ethik manifestiert sich in einem illusionärem ‚als-ob-Leben‘, Heuchelei und Lüge.[11] Spaltung von Persona und Schatten, was zur Stauung der verdrängten Inhalte führt, die sich dann in Gewaltausbrüchen und Sündenbockbestrafungen entladen (> vgl. gegenseitige Beschuldigungen USA u China für Ausbruch der Pandemie verantwortlich zu sein). Corona-Krise ist demnach im Rahmen der globalen Krise – und als Aufforderung zur Erneuerung in Form einer Neuen Ethik und des Bewusstseins zu sehen. Diese Sicht ermöglicht das Erkennen von Ressourcen und Wandel.

Beispiele aktuell:

In Baton Rouge, der Hauptstadt von Louisiana, predigt Pfarrer Spell: die Corona-Krise sei politisch motiviert und nur der feste Glaube könne das Virus besiegen. Das Coronavirus sei doch bloss ein Komplott, um Donald Trump zu schaden. (Sündenbock-Projektionen)

In USA wie überall viel zu viele Menschen, die in der Corona-Krise Klopapier, Mehl, Zucker und sogar die für das Gesundheitspersonal lebenswichtigen Schutzmasken horten. Es gibt sogar Amerikaner, die ihr Waffenarsenal aufstocken und bereit sind, ihr Warenlager notfalls mit dem Gewehr gegen Diebe und Plünderer zu verteidigen. Es gibt Krisengewinnler, die mit den Ängsten der Mitmenschen korrupte Geschäfte treiben.

«Amerika wird sehr bald wieder im Geschäft sein», versprach der US-Präsident am 23. 03.20. Am gleichen Tag warnte die Weltgesundheitsorganisation, die USA entwickelten sich zum neuen Epizentrum der Pandemie. Seit Ausbruch der Corona-Krise hat die US-Regierung in wildem Zickzack die verschiedensten Phasen der Krisenreaktion durchlaufen: hartnäckiges Leugnen und Verharmlosen der Pandemie. Dann plötzliches Umschwenken zu martialischer Rhetorik mit Donald Trump als oberstem Feldherrn im «Krieg gegen den unsichtbaren Feind». Ein paar Tage später – und bei immer noch exponentieller Ausbreitung des Virus – wechselte der launische Präsident zurück zur Minimierung der Gefahr beziehungsweise zum kaltblütigen Aufrechnen von Tod gegen Dollar, von kurzfristigem wirtschaftlichem Schaden gegen den bleibenden Verlust von Menschenleben. (1)

Rassismus:

Die ersten Krankheiten, welche weiße Einwanderer beginnend mit Christoph Kolumbus auf den Kontinent einschleppten, rafften die indigene Bevölkerung rasch dahin, was wohl im Interesse der europäischen Kolonialisten war.

Während der Pockenepidemie, die zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges in der Mitte des 19. Jahrhunderts wütete, wurden die infizierten Soldaten, wenn möglich unter Quarantäne gestellt. Darüber hinaus interessierten sich die Kriegsparteien nicht besonders für die Eindämmung der Krankheit, obwohl es damals bereits eine Pockenimpfung gab. Die neu befreiten Sklavinnen und Sklaven überließ die US-Regierung gänzlich ihrem Schicksal. Dass die Pockenepidemie die schwarze Bevölkerung besonders hart traf, sah man als Beweis für die Minderwertigkeit und Unreinheit dieser «Rasse». Ziemlich geistesverwandt reagierten die offiziellen USA auf die AIDS-Krise der 1980er

Jahre. Man nannte die Immunschwäche «Schwulenpest» und reagierte sehr zögerlich, da die Krankheit ja, wie man erst meinte, «nur» eine marginalisierte Minderheit dahinraffte.

Aufgabe ist es klarzustellen: Sozialdarwinistische Ideen stehen im 21. Jahrhundert nicht zur Diskussion.  (1)

Weiterführend zur anstehenden Erneuerung – Feststellungen (26.03.20) des Zukunftsforscher Matthias Horx:

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei“ ist“

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…
Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet. Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird“, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert (vgl. o.: Elternkomplex)

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

Worüber werden wir uns rückblickend wundern? Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität.

Re-Gnosen (im Gegensatz zu Pro-Gnosen) bilden eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein „Future Mind“ – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren „Events“, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.“ (Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März)

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!

https://www.pnp.de/nachrichten/panorama/Die-Corona-Rueckwaerts-Prognose-Wie-wir-uns-wundern-werden-wenn-die-Krise-vorbei-ist-3643695.html

Sobald die Sonne scheint, gehe ich hinaus und lockere die Erde in meinem Gemüsegarten vor dem Aussäen und Anpflanzen. Dieser bescheidene Blick in die Zukunft schafft Raum für größere Fragen. Wie wird dieser Ausnahmezustand unser Zusammenleben verändern? Wie können wir die andere große Pandemie, die Erderwärmung, einzudämmen und verlangsamen? Wird die Welt, deren globale Vernetztheit das Virus eindrücklich dokumentiert hat, solidarischer werden? Oder kapseln wir uns noch nationalistischer ab? Macht die Wirtschaft nach der Krise im alten kapitalistischen Stil weiter? Oder ist am Ende doch ein anderes sozialeres Zusammenleben denkbar? (1)

VI.       Ausblick: „Ist der Mensch lernfähig?

Gastbeitrag von Judith Schalansky (SZ 31.03.20)

„Ausgerechnet ein Tier, das wir fast ausgerottet haben, könnte der Überbringer der Corona-Seuche sein. Das ist grausame Ironie – und ein Lehrstück über Ursache und Wirkung.

Es bedarf keiner ausgeprägten Neigung zum schwarzen Humor, um die grausame Ironie wahrzunehmen, die darin liegt, dass ausgerechnet ein scheues, wehrloses Säugetier, das durch menschliche Bejagung kurz vor seiner Auslöschung steht, Überbringer einer Seuche sein soll, die allein bisher Zehntausende von Toten gefordert hat und etwa ein Viertel der Weltbevölkerung in die eigenen vier Wände verbannt.

Es ist lebensnotwendig, die ganze Welt als Organismus zu begreifen

Es erinnert uns daran, dass auch wir verwundbar sind, ein Säugetier, das mit seinen acht Milliarden Exemplaren für ein Virus nichts anderes ist als ein weiterer, idealer Wirt. Bei drohender Gefahr rollt sich das Schuppentier ein. Nichts anderes tun wir gerade. In diesen Wochen wird klar, dass die größere Herausforderung des Lebens darin besteht, die Welt nicht zu erobern, sondern verdammt nochmal zu Hause zu bleiben, vorausgesetzt natürlich man hat eins. Als Kind träumte ich immer davon, einmal bei meinen Großeltern eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten zu werden, damit wir endlich die vielen Vorräte, die sie angehäuft hatten, aufessen würden. Die Erfahrung des Krieges hatte bei ihnen dafür gesorgt, von allem, was es zu kaufen gab, so viel zu bunkern, wie nur in den Kühlschrank, in den Keller und in die Hohlräume der Sitzgarnitur auf der Veranda passte. Dort stapelten sich die Konserven mit Pfirsichen und Aprikosen, die nur zu Feiertagen geöffnet wurden. Leider schneiten wir nie ein, also blieben die Vorräte unberührt.

Diesen Winter hat es in Berlin gar nicht geschneit. Den Winter, so scheint es, gibt es nur noch in den Bergen, in Kinderbüchern und auf holländischen Gemälden. Vielleicht kehrt er wieder, wenn wir diese Zeit der Krise nicht nur als Verzicht und Verlust erleben. Die reine Luft über Wuhan und das klare Wasser Venedigs sind starke Bilder, die das der Styropor pickenden Möwe überlagern. Ist der Mensch lernfähig?

Ein Virus, das alle Menschen heimsuchen kann, lehrt uns einmal mehr, wie unerlässlich, ja lebensnotwendig es ist, die Welt als einen Organismus zu begreifen.“

https://www.sueddeutsche.de/kultur/coronavirus-schuppentier-china-1.4862197?sc_src=email_1459823&sc_lid=130795675&sc_uid=2v60kua95q&sc_llid=34423&utm_medium=email&utm_source=emarsys&utm_content=www.sueddeutsche.de%2Fkultur%2Fcoronavirus-schuppentier-china-1.4862197&utm_campaign=Espresso+am+Abend+31.03.2020

***

Zitiert (1):  Wenn das Virus regiert – Corona-Krise in den USA. Von Lotta Suter. 3. April 2020. Swr2. file:///C:/Users/user/Downloads/Wenn%20das%20Virus%20regiert%20-%20Corona-Krise%20in%20den%20USA-SWR2%20Leben-2020-04-03.pdf

Anhang

Interview mit Juli Zeh: „Die Bestrafungstaktik ist bedenklich.“ (Schriftstellerin und Juristin, ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht Brandenburg)

„Die Ansage lautet sinngemäß: Wenn ihr nicht tut, was wir von euch verlangen, seid ihr schuld an einer weiteren Ausbreitung des Virus und an vielen Toten in den Risikogruppen! Bei einigen Menschen führt das zu Trotz und Widerstand, bei anderen zu Verängstigung und regressivem Verhalten. Beides vergiftet die gesellschaftliche Stimmung.

Man will vernünftig sein, man will auch Solidarität zeigen gegenüber Risikogruppen, man will nicht das gemeinschaftliche Vorgehen torpedieren. Aber vieles von dem, was passiert, erscheint einem unlogisch, überstürzt, undemokratisch. Dagegen würde man gern aufbegehren. Aber dann wird einem gesagt, dass man sich schuldig macht an möglichen Opfern, wenn man nicht mitspielt. Das ist ein unnötiges Dilemma, das die Menschen quält: ein künstlich entfachter Antagonismus zwischen Menschenrechten und Menschenleben. Wenn man nicht mit Bestrafungsszenarien gearbeitet hätte, sondern lieber daraufgesetzt hätte, durch eine verständliche und nachvollziehbare Strategie Einsicht zu erreichen, hätte man ein viel höheres und wirklich empfundenes Einverständnis der Bürger ermöglicht.

SZ: Manche Bürger überbieten sich bereits geradezu darin, Verstöße gegen die Corona-Bestimmungen zu melden.

Das ist im Grunde ganz normal. Eine hoch moralisierte Grundstimmung in Verbindung mit Regieren per Verordnung ergibt den perfekten Nährboden für Denunziantentum. Gesellschaftlicher Frieden wird auf diese Weise nicht gerade gefördert.

Die Terminologie mancher Politiker klingt, als würden wir uns in einem „Krieg“ befinden.

Ein Politiker wie Markus Söder, der besonders restriktiv vorgeht, gewinnt an Zustimmung. Was sagt das über Teile der Gesellschaft?

Es sagt etwas über das Funktionieren von Angst, vor allem, wenn sie massenhaft auftritt. Im Grunde sind das keine neuen Erkenntnisse. Wir wissen aus Erfahrung, wie gefährlich Angstmechanismen sind. Deshalb würde ich von verantwortlicher Politik und auch von verantwortlichen Medien verlangen, dass sie niemals Angst zu ihrem Werkzeug machen. Leider passiert seit Jahrzehnten das Gegenteil, nicht erst seit Corona. Anstatt uns hoffnungsfroh Ziele für die Zukunft zu setzen, ist es seit der Jahrtausendwende quasi zur Tradition geworden, ein apokalyptisches Szenario nach dem anderen auszurufen und damit die Aufmerksamkeitsökonomie zu bedienen oder sich machtpolitische Vorteile zu sichern. Jede politische Richtung hat ihr eigenes Untergangsszenario, mit dem sie Werbung macht. Die Massenerregbarkeit der Gesellschaft ist immer größer geworden, gleichzeitig wachsen auch Depressionen und Neurosen. Es wäre absolut wichtig, zur Sachlichkeit zurückzukehren und die Bevölkerung als mündige Bürger zu behandeln statt wie verstörte Kinder. Angst schlägt irgendwann in Aggression um, und es ist völlig unklar, gegen wen oder was sich das dann richten wird.

Aber was mir Angst macht, ist die Erkenntnis, wie wenig wir als demokratische Gesellschaft mit Krisensituationen umgehen können. Wie schnell wir zu angstgetriebenen Entscheidungen bereit sind, wie kopflos auch unsere gewählten Politiker agieren, wenn sie gleich die Verantwortung an „Berater“ abgeben, statt besonnen im Sinne der Demokratie zu agieren.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/juli-zeh-corona-interview-1.4867094?sc_src=email_1470232&sc_lid=131368740&sc_uid=2v60kua95q&sc_llid=105909&utm_medium=email&utm_source=emarsys&utm_content=www.sueddeutsche.de%2Fkultur%2Fjuli-zeh-corona-interview-1.4867094&utm_campaign=Espresso+am+Abend+05.04.2020

Trennungskomplex

Veränderte Rituale bei Beerdigungen -Tod

Trauer ist wie Liebe, die kein Gegenüber mehr hat, wird Schmid später sagen. Wie Liebeskummer.


[1] https://sz-magazin.sueddeutsche.de/coronavirus/ausnahmezustand-coronavirus-bayern-88520)

[2] Vgl. hierzu Interview mit J. Zeh / Anhang u.

[3] WORT DER WOCHE: „Todesalgorithmus“. Im 21. Jh. bei Wetterprognosen, im Gesundheitswesen u. Straßenverkehr künstliche Intelligenz:  aus Unmengen von Daten Prognosen generiert. In diesem Zusammenhang Begriff „Todesalgorithmus“ auf. https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/todesalgorithmus-100.html   14.3.2020 

[4] Wie Anmerkung 2

[5] Wie Anmerkung 3

[6] Vgl. Der demokratische Gouverneur von Illinois/USA 22.03.20: «Wir konkurrieren gegeneinander. Wir konkurrieren gegen andere Länder. Da draußen geht es zu wie im Wilden Westen.»

[7] Wie Anmerkung. 2

[8] Vgl. unsere Furcht vor Seuchen tief verankert: Infektionskrankheiten waren für die Menschheit tödlicher als alle Kriege zusammengenommen. Diese evolutionäre Erfahrung lässt sich nicht so einfach abschütteln: Bauern, die vor Jahrtausenden in genau vorgeschriebener Art und Weise eine Kuh opferten, um die drohende Plage von sich abzuwenden. Spur dieses ritualgläubigen Bauern in den heutigen Reaktionen auf die Pandemie wiederzuerkennen? Händewaschen und Social Distancing sind wissenschaftlich fundierte Anweisungen zur Eindämmung der Epidemie. Doch weshalb müssen es eigentlich genau zwei Meter Abstand sein? Und wieso genau 20 Sekunden Händewaschen? Wieso werden die jeweils noch erlaubten Ansammlungen von Menschen – 100, 50, 10, 5 – zahlenmäßig stets so genau, wenn auch ständig wechselnd vorgeschrieben? In den USA wird uns geraten, beim Händewaschen zwecks Zeitmessung zweimal das Lied «Happy Birthday» zu singen. Das finde ich eher geschmacklos angesichts der exponentiell wachsenden Anzahl von Corona-Kranken und Corona-Toten. Aber ich verstehe, dass auch wir heutigen Menschen hoffen, mit möglichst genau vorgeschriebenen Abläufen, ja Ritualen, eine nicht vollständig verstandene Bedrohung abwenden und kontrollieren zu können. (1)

[9] ‚Kollektivwert‘ – ‚Individualwert‘ – ursprünglich Begriffe, die F. Schiller einander polar gegenüberstellt. Dann von Jung (GW 6, § 108 – 113) diskutiert. Vgl. a. Rafalski, 2018, Stichwortverzeichnis.

[10] Vgl. Rafalski, 2018. S.132 – 147

[11] Der brasilianische Präsident Bolsonaro sieht nach wie vor keine große Gefahr für sein Land durch das neuartige Coronavirus. In einer Fernsehansprache warf er den brasilianischen Medien vor, Panik zu verbreiten, und kritisierte einzelne Bundesstaaten, weil sie aus seiner Sicht unnötigerweise Schulen und Geschäfte geschlossen und Ausgangssperren verhängt hätten. Auch Trump leugnete lange die Infektionsgefahr.

2 Antworten zu “Krise – Psychodynamik”

  1. Vielen Dank für diesen wunderbaren Text! Er hat mir geholfen, eigene Gedanken weiter zu denken und anderen Gedanken gegenüber zustellen. Nach dem Lesen fühle ich mich innerlich geordneter und motivierter, an dieser gesellschaftlichen Umstrukturierung aktiv mitzuwirken. Das Lesen dieses Textes stärkt den Ich- Komplex und wirkt der malignen Regression entgegen!

  2. Liebe Monika,

    großartig!
    Dank an Dich, dass Du Nach-Fühlen und Nach-Denken so vielfältig anregst. Es lohnt sich wirklich!
    Herzlichen Gruß
    Claus

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